Marokko hat sich in den vergangenen Jahren von einem Transitland zu einem zentralen Zielland für Migration in Nordafrika entwickelt. Besonders Casablanca ist zu einem dauerhaften urbanen Ankunftsort für Migrantinnen und Migranten geworden, die zuvor auf dem Weg nach Europa waren. Eine aktuelle Analyse des German Institute of Development and Sustainability untersucht, wie sich soziale Kohäsion unter diesen Bedingungen entwickelt und welche Rolle lokale Institutionen, zivilgesellschaftliche Organisationen und Aufnahmegemeinschaften dabei spielen.
Marokkos veränderte Rolle im afrikanischen Migrationssystem
Marokko nimmt im afrikanisch-europäischen Migrationssystem eine Schlüsselposition ein. Neben seiner Funktion als Herkunftsland lebt rund neun Prozent der marokkanischen Bevölkerung im Ausland. Gleichzeitig ist das Land zunehmend Zielstaat für unterschiedliche Gruppen von Migrantinnen und Migranten, darunter Arbeitsmigranten, Studierende, Geflüchtete und irregulär eingereiste Personen aus Subsahara-Afrika.
Seit 2018 hat sich die staatliche Migrationspolitik spürbar verschärft. Grenzkontrollen wurden ausgeweitet, Rückführungen intensiviert und Bewegungsräume eingeschränkt. Besonders nach der politischen Annäherung zwischen Rabat und Madrid im Jahr 2022 übernahm Marokko verstärkt Aufgaben der europäischen Grenzsicherung. Ereignisse wie der Grenzübertrittsversuch in Melilla 2022 mit zahlreichen Todesopfern führten zu weiteren internen Verlagerungen von Migranten aus Grenzregionen in Städte im Landesinneren.
Casablanca als urbaner Ankunftsort
Diese Entwicklungen wirken sich besonders auf Casablanca aus. Die Metropole fungiert nicht mehr nur als Zwischenstation, sondern zunehmend als faktischer Endpunkt migrationsbedingter Mobilität. Behörden verlagern Migranten aus nördlichen Grenzregionen gezielt in Städte wie Béni Mellal oder Casablanca. Zwischen Rabat und Agadir hat sich dadurch ein Raum etabliert, in dem Migranten faktisch zur Ansiedlung gezwungen sind.

In Casablanca verfolgen die lokalen Behörden einen vergleichsweise zurückhaltenden Ansatz. Im Gegensatz zu Rabat oder den Grenzregionen ist das polizeiliche Vorgehen weniger repressiv. Diese Praxis hat die Entstehung informeller migrantischer Selbstorganisationen begünstigt, die innerhalb der Stadt zu stabilen sozialen Akteuren wurden.
Soziale Kohäsion als analytischer Rahmen
Die Studie definiert soziale Kohäsion anhand von drei Dimensionen: institutionelles Vertrauen, inklusive Identität und Kooperation für das Gemeinwohl. Diese Aspekte sind in urbanen Migrationskontexten besonders herausgefordert, da Aufenthalte oft unsicher sind und rechtliche Rahmenbedingungen wechseln.
In Casablanca ist das Vertrauen in staatliche Institutionen unter Migranten begrenzt. Sprachbarrieren, widersprüchliche politische Signale und Erfahrungen mit Rückführungen erschweren stabile Beziehungen zu Behörden. Eine zentrale Rolle übernehmen daher sogenannte Community Agents, häufig selbst langjährig ansässige Migranten. Sie fungieren als kulturelle Vermittler zwischen Verwaltung, Zivilgesellschaft und neu angekommenen Personen.
Inklusive Identität zwischen Tradition und Spannungen

Die marokkanische Gesellschaft verfügt historisch über eine ausgeprägte Tradition der Gastfreundschaft. Religiöse Werte und frühere innerafrikanische Austauschprogramme prägen bis heute lokale Netzwerke, insbesondere in Casablanca. Diese kulturellen Ressourcen erleichtern grundsätzlich die Aufnahme von Migranten.
Gleichzeitig stoßen diese Prinzipien an Grenzen. Viele Stadtviertel sind bereits sozial und wirtschaftlich marginalisiert. Der Zuzug zusätzlicher Bevölkerungsgruppen erhöht den Druck auf Wohnraum, Arbeit und öffentliche Dienstleistungen. Ein migrationskritisches Medienumfeld verstärkt Spannungen und begünstigt diskriminierende Narrative.
Dennoch zeigen Interviews mit lokalen Akteuren, dass wiederholte alltägliche Kontakte zwischen Aufnahmegesellschaft und Migranten zu einer Abschwächung solcher Diskurse beitragen. Praktische Zusammenarbeit wirkt stabilisierender als abstrakte Integrationsdebatten.
Kooperation über gemeinsame Dienstleistungen
Formen kollektiven Handelns entstehen in Casablanca vor allem über die Bereitstellung von Gesundheits- und Bildungsangeboten. Nichtstaatliche Organisationen und zivilgesellschaftliche Initiativen bieten diese Leistungen sowohl Migranten als auch der lokalen Bevölkerung an. Dadurch entstehen gemeinschaftlich genutzte Räume, die soziale Interaktion fördern, ohne formelle politische Beteiligung vorauszusetzen.
Ein zentrales Problem bleibt jedoch der Informationszugang. Viele Migranten wissen nicht, welche Rechte und Angebote ihnen unabhängig vom Aufenthaltsstatus zustehen. Gleichzeitig fehlt es auch Teilen der Aufnahmegesellschaft an Kenntnis über bestehende Regelungen. Lokale Koordination zwischen Organisationen wird dadurch zu einem entscheidenden Faktor.
Bedeutung über Marokko hinaus
Obwohl die Untersuchung auf Casablanca fokussiert ist, lassen sich Parallelen zu anderen afrikanischen Städten erkennen, in denen Migration unter restriktiven politischen Bedingungen stattfindet. Die Analyse zeigt, dass soziale Kohäsion weniger durch formelle Integrationspolitik entsteht als durch lokale Vermittlungsstrukturen, funktionierende Dienstleistungen und historisch verankerte Identitätsmuster.
Die Erfahrungen aus Casablanca verdeutlichen, wie afrikanische Städte mit dauerhafter Migration umgehen, auch wenn nationale Rahmenbedingungen ambivalent bleiben.