Die Beziehungen zwischen Frankreich und Algerien geraten weiter unter Druck. Eine Recherche des französischen Fernsehmagazins Complément d’enquête erhebt schwere Vorwürfe gegen algerische Sicherheitsdienste, die in Frankreich lebende Doppelstaatler systematisch unter Druck gesetzt haben sollen. Im Zentrum der Anschuldigungen stehen Spionage, Einschüchterung und der Versuch, politische Informationen im französischen Staatsapparat zu erlangen.
Enthüllungen über ein mutmaßliches Spionagenetzwerk
Nach Angaben der journalistischen Recherche sollen algerische Nachrichtendienste gezielt Angehörige der algerischen Diaspora in Frankreich angesprochen haben, insbesondere Personen mit Zugang zu sensiblen Informationen oder politischen Netzwerken. Betroffen seien kommunale Mandatsträger ebenso wie Beamte in zentralen Ministerien. Ziel dieser Kontakte sei es gewesen, Informationen zu sammeln oder Einfluss auf politisches Verhalten zu nehmen.

Der Bericht macht deutlich, dass es sich nicht um vereinzelte Vorfälle handeln soll, sondern um ein strukturiertes Vorgehen. Doppelstaatler oder französische Staatsbürger algerischer Herkunft seien an ihre familiären Wurzeln erinnert und zur Loyalität gegenüber Algerien aufgefordert worden. Eine in der Sendung zitierte kommunale Mandatsträgerin schildert, man habe ihr erklärt, sie habe die Pflicht, „Partei für Algerien zu ergreifen“.
Konsulate als Kontaktpunkte
Laut der Recherche erfolgte die Kontaktaufnahme häufig im Umfeld algerischer Konsulate. Dort seien Betroffene im Rahmen administrativer Routinevorgänge zu langen Gesprächen gebeten worden. In diesen Verhören sei ihnen ihr vermeintlicher „Pflichtenkatalog“ gegenüber dem Herkunftsland vor Augen geführt worden. Besonders wirksam seien diese Methoden laut Bericht gewesen, wenn die betroffenen Personen über Familie oder Eigentum in Algerien verfügten.

Bestätigt werden diese Darstellungen durch Aussagen einer Person, die nach eigenen Angaben mit algerischen Diensten kooperiert habe. Der Druck habe darin bestanden, Konsequenzen für Angehörige oder Vermögenswerte in Algerien in Aussicht zu stellen, falls eine Zusammenarbeit verweigert werde.
Fallbeispiele aus Politik und Verwaltung
Die Recherche beschreibt den Fall einer franco-algerischen Kommunalpolitikerin, die Ende 2024 von einem mutmaßlichen Agenten der algerischen Nachrichtendienste zu einem zweistündigen Gespräch geladen worden sei. Ihr sei vorgeworfen worden, bei der Einweihung einer Straße den Sänger Lounès Matoub lediglich als Kabyle und nicht als Algerier bezeichnet zu haben. Die Weigerung, eine entsprechende Gedenktafel zu ändern, habe zu wiederholten Kontaktaufnahmen geführt.
In einer vom französischen Gegenspionagedienst zitierten Notiz heißt es, der Agent habe „auf drohendem Ton“ erklärt, die Mandatsträgerin werde aufgrund ihrer politischen Verbindungen in Frankreich beobachtet. Sie sei mehrfach telefonisch aufgefordert worden, öffentlich ihre Verbundenheit mit Algerien zu bekunden. Der Vorgang verweist zugleich auf die Sensibilität der Kabylien-Frage innerhalb der algerischen Innenpolitik.
Ein weiterer Fall betrifft einen 56-jährigen Ingenieur im französischen Finanzministerium. Ihm wird vorgeworfen, Informationen über mehrere algerische Oppositionelle in Frankreich weitergegeben zu haben, darunter die Adresse des regimekritischen Bloggers Amir DZ. Der Mann steht unter dem Verdacht der „nachrichtendienstlichen Zusammenarbeit mit einer ausländischen Macht“. In verdeckten Aufnahmen erklärte er, aus Sorge um seine in Algerien lebenden Eltern gehandelt zu haben.
Gewalt gegen Oppositionelle
Nach Darstellung der Recherche dienten die gesammelten Informationen nicht nur der Beobachtung, sondern auch der Vorbereitung gewaltsamer Aktionen. Daten über Aufenthaltsorte, finanzielle Verhältnisse und Kontakte von Oppositionellen sollen genutzt worden sein, um gezielte Angriffe zu organisieren. Der im französischen Exil lebende Journalist Abdou Semmar erklärte in einer Video-Reaktion, mehrere Betroffene seien körperlich angegriffen, mit Messern verletzt oder massiv eingeschüchtert worden.
Besonders schwer wiegt der Fall des Cyberaktivisten Amir DZ, der laut den Recherchen entführt und zeitweise festgehalten worden sei. Ziel sei es gewesen, ihn zu töten. Semmar sprach von „mafiosen Methoden“ und „terroristischen Verbrechen“, die die französische Souveränität verletzten. Er machte geltend, solche Operationen seien ohne politische Billigung auf höchster Ebene kaum vorstellbar.
Diplomatische Eskalation nach TV-Ausstrahlung
Nach der Ausstrahlung der Sendung bestellte das algerische Außenministerium den französischen Geschäftsträger in Algier ein. In einem offiziellen Kommuniqué verurteilte die Regierung die Sendung scharf und sprach von einem Format, das fälschlich als Dokumentation dargestellt werde, tatsächlich jedoch aus „gegenstandslosen Unwahrheiten“ bestehe. Die Verantwortung einer öffentlich-rechtlichen französischen Rundfunkanstalt wie France 2 wiege dabei besonders schwer.
Communiqué du @Algeria_MFA⬇️ pic.twitter.com/RDeykG2cmF
— Ambassade d'Algérie en France سفارة الجزائر بفرنسا (@ambalgerieparis) January 24, 2026
Außenminister Ahmed Attaf schloss sich der Kritik an und wies die Vorwürfe ausdrücklich zurück. Die Anschuldigungen stellten eine „schwere Beleidigung“ des algerischen Staates und seiner Institutionen dar und seien Teil einer Eskalation, die darauf abziele, die Beziehungen zwischen Algerien und Frankreich dauerhaft in einem Krisenzustand zu halten. Attaf kritisierte zudem die angebliche Beteiligung der französischen Botschaft in Algier an der Sendung, was aus algerischer Sicht einen Bruch diplomatischer Gepflogenheiten darstelle.
Die algerische Regierung erklärte, sie behalte sich ausdrücklich das Recht vor, auf diplomatischer Ebene weitere Schritte einzuleiten, die der Schwere der Vorwürfe angemessen seien.
Anhaltende Belastung der bilateralen Beziehungen

Die Spionagevorwürfe fallen in eine Phase ohnehin angespannter Beziehungen zwischen Paris und Algier. Während nachrichtendienstliche Aktivitäten allgemein als Bestandteil internationaler Beziehungen gelten, erhalten solche Anschuldigungen im Kontext einer offenen diplomatischen Krise besonderes Gewicht.
Wie Complément d’enquête berichtet, werfen die geschilderten Vorgänge grundlegende Fragen zur Sicherheit staatlicher Institutionen in Frankreich und zum Schutz politisch engagierter Personen im Exil auf.