Die deutsche Entwicklungspolitik in Subsahara-Afrika gerät durch eine neue DEval-Evaluierung selbst unter Druck. Das vom Bundesentwicklungsministerium mandatierte Institut kommt zu dem Schluss, dass viele deutsche Dezentralisierungsvorhaben zwar lokal begrenzte Wirkungen erzielt haben, übergeordnete politische und strukturelle Veränderungen aber meist ausblieben. Veröffentlicht wurde die Analyse Ende März, die Reaktion des BMZ folgte im Februar. Der Befund trifft damit einen empfindlichen Punkt der deutschen Afrika-Politik: Projekte wurden über Jahre weitergeführt, obwohl sie häufig auf tiefere Dezentralisierung zielten, die von vielen zentralstaatlich organisierten Partnerregierungen politisch gar nicht gewollt war.
Zwischen 2000 und 2022 förderte das BMZ in Afrika rund 300 Dezentralisierungsvorhaben mit gut 2,5 Milliarden Euro. DEval bilanziert nun, dass die deutsche Entwicklungszusammenarbeit zwar kommunale Verwaltungen stärken, lokale Beteiligung ausbauen und Dienstleistungen punktuell verbessern konnte. Dauerhafte institutionelle Verankerung, rechtliche Reformen und breitere entwicklungspolitische Wirkungen blieben jedoch meist aus.
Projekte trafen oft nicht auf die politische Realität der Partnerländer
Im Zentrum der Kritik steht nicht nur die Wirksamkeit einzelner Vorhaben, sondern die Grundannahme dahinter. DEval beschreibt ein dauerhaftes Spannungsverhältnis zwischen den Zielen deutscher Entwicklungszusammenarbeit und den Interessen vieler Partnerregierungen in Subsahara-Afrika. Während die deutsche Seite auf die Verlagerung von Macht, Zuständigkeiten und Finanzmitteln auf die lokale Ebene setzte, wollten viele Zentralregierungen genau diese Kontrolle nicht aus der Hand geben.
Die Evaluierung hält fest, dass deutsche Maßnahmen formal oft an Strategien und Prioritäten der Partnerländer anknüpften, materiell aber häufig an deren tatsächlichem Dezentralisierungsverständnis vorbeigingen. Viele Regierungen unterstützten demnach allenfalls administrative Dekonzentration, nicht aber eine weitergehende politische und fiskalische Dezentralisierung. Gerade daraus erklärt DEval, warum wichtige Reformen regelmäßig nicht rechtlich verankert wurden und Wirkungen auf wirtschaftliche Entwicklung, Demokratisierung oder Konfliktreduktion begrenzt blieben.
Lokal sichtbare Erfolge, aber kaum dauerhafte Strukturveränderung
Die Analyse fällt dabei nicht pauschal negativ aus. DEval bescheinigt den Vorhaben auf lokaler Ebene vielfach konkrete Ergebnisse. Besser ausgestattete Kommunen, mehr politische Teilhabe, partizipative Planungsverfahren und punktuell verbesserte Dienstleistungen seien nachweisbar. Genau diese lokal begrenzten Erfolge hätten jedoch nur selten zu dauerhaft tragfähigen Strukturen geführt.
Besonders deutlich wird die Kritik beim Blick auf die Nachhaltigkeit. Laut DEval fehlten in den meisten Ländern die politische Unterstützung der Zentralregierungen, eine ausreichende finanzielle Ausstattung der subnationalen Ebene und ein belastbarer institutioneller Rahmen. Damit blieb gerade das aus, worauf die Förderung langfristig abzielte: eine tragfähige Verlagerung von Kompetenzen und Verantwortung.
DEval fordert strategische Neuausrichtung
Aus diesen Befunden leitet DEval eine klare Konsequenz ab. Das BMZ solle den Themenbereich Dezentralisierung strategisch und konzeptionell neu aufarbeiten, zwischen verschiedenen Ländertypen unterscheiden und das Portfolio stärker an Governance-Einschätzungen sowie bisherigen Kooperationserfahrungen ausrichten. Außerdem empfiehlt das Institut mehr systematisches Lernen, regelmäßige Wirkungsbefunde und eine stärkere Abstimmung mit anderen Gebern.
Die Kritik zielt damit über einzelne Projekte hinaus auf das Steuerungsmodell selbst. DEval beschreibt die deutsche Entwicklungszusammenarbeit zwar als anpassungsfähig auf Vorhabenebene, erkennt aber gerade seit den 2010er Jahren keine strategische Antwort auf verschlechterte politische Rahmenbedingungen in vielen afrikanischen Staaten. Multilaterale Dialogformate seien schwächer geworden, autoritäre Tendenzen hätten zugenommen, dennoch fehle eine übergeordnete Neujustierung des Ansatzes.
BMZ verteidigt den bisherigen Ansatz
Die Reaktion des BMZ bestätigt zugleich, wie begrenzt die Bereitschaft zu einem grundsätzlichen Kurswechsel derzeit ist. Das Ministerium würdigt die Evaluierung zwar als wichtigen Impuls und betont die anhaltende Relevanz von Dezentralisierung. Den zentralen Vorschlag des DEval, den Bereich über eine eigene strategische Neuausrichtung oder Themenbereichsstrategie neu zu ordnen, weist das BMZ jedoch zurück. Eine zusätzliche Dezentralisierungsstrategie sei aus Sicht des Ministeriums nicht zielführend, weil Governance-Maßnahmen stark vom jeweiligen Länderkontext abhingen.
Stattdessen setzt das BMZ auf bestehende Kernthemenstrategien, fachliche Expertise in den Durchführungsorganisationen und länderbezogene Anpassungen. Zwar kündigt das Ministerium an, Lernformate zu prüfen, Wirkungsüberprüfungen weiterzuentwickeln und Dezentralisierungsaspekte stärker in Geberabstimmungen einzubringen. Die grundlegende Kritik des DEval an der strategischen Ausrichtung beantwortet das BMZ damit aber nicht mit einem neuen politischen Rahmen, sondern vor allem mit Verweis auf bestehende Instrumente.
Mehr Geld allein beantwortet die Kritik nicht

In dieselbe Debatte fallen neue OECD-Zahlen zur Entwicklungsfinanzierung. Die Bundestagsabgeordnete Sanae Abdi warnt vor weiteren Kürzungen und spricht von einem „alarmierenden Bild“. Ihre Kritik richtet sich auf die Finanzierungsebene und auf den Anspruch verlässlicher Partnerschaften. Die DEval-Evaluierung verschiebt den Fokus nun auf eine zweite Frage: ob zusätzliche Mittel ohne höhere Wirksamkeit, klarere Prioritäten und eine strategische Neuaufstellung die bekannten Probleme überhaupt lösen würden.
Damit liegt die politische Brisanz des Berichts nicht nur in der Bilanz einzelner Vorhaben. Sie liegt vor allem darin, dass ein vom BMZ mandatiertes Evaluierungsinstitut die deutsche Entwicklungspolitik an einem neuralgischen Punkt trifft: bei Projekten, die lokal oft sinnvoll wirkten, aber in vielen Partnerländern gegen zentrale Machtlogiken planten und deshalb strukturell an Grenzen stießen. Die Antwort des Ministeriums signalisiert bislang eher Nachsteuerung im bestehenden System als einen ernsthaften Bruch mit diesem Muster.

