Vor seiner ersten Afrikareise als deutscher Außenminister hat Johann Wadephul die strategische Bedeutung Ostafrikas für Deutschlands Außen-, Wirtschafts- und Sicherheitspolitik hervorgehoben. Die Reise nach Kenia und Äthiopien findet vor dem Hintergrund globaler Machtverschiebungen, wachsender geopolitischer Spannungen und wirtschaftlicher Umbrüche statt. Im Zentrum stehen Gespräche über regionale Stabilität, internationale Handelswege, wirtschaftliche Kooperationen sowie die Rolle Afrikas in einer multipolaren Weltordnung. Begleitet wird die Reise von einer deutschen Wirtschaftsdelegation.
Ostafrika als Schlüsselregion für Handel und Sicherheit
Wadephul verwies vor seiner Abreise auf die sicherheits- und handelspolitische Relevanz der Seewege vor den Küsten Ostafrikas. Diese gehörten zu den zentralen Hauptschlagadern des Welthandels, insbesondere im Bereich des maritimen Warenverkehrs zwischen Europa, Asien und dem Nahen Osten. Der Region rund um das Horn von Afrika komme daher eine besondere strategische Bedeutung zu, sowohl aus europäischer als auch aus globaler Perspektive.
.@AussenMinDE reist nach #Kenia 🇰🇪 und #Äthiopien 🇪🇹. Worauf es ihm bei seiner ersten Reise auf den afrikanischen Kontinent ankommt, lesen Sie hier: 👉 https://t.co/S4yHNi3PV0
— Auswärtiges Amt (@AuswaertigesAmt) January 20, 2026
Die Entscheidung, seine erste Reise auf dem afrikanischen Kontinent nach Kenia und Äthiopien zu führen, sei Ausdruck dieser Prioritätensetzung. Beide Länder verfügten über politischen Gestaltungsanspruch, der weit über Ostafrika hinausreiche, und spielten eine zentrale Rolle für Stabilität, Sicherheit und regionale Kooperation.
Kenia als Stabilitätsanker und enger Partner Deutschlands
Erste Station der Reise ist Nairobi. Dort sind politische Gespräche mit dem kenianischen Außenminister Musalia Mudavadi sowie mit Staatspräsident William Ruto vorgesehen. Neben den bilateralen Beziehungen stehen auch Treffen mit Vertreterinnen und Vertretern aus Wirtschaft und Zivilgesellschaft auf dem Programm.

Wadephul bezeichnete Kenia als engsten deutschen Partner in Ostafrika und als zentrale Säule regionaler Stabilität. In einer von Konflikten geprägten Umgebung habe Kenia wiederholt eine vermittelnde Rolle übernommen, unter anderem in Ostkongo und im Südsudan. Zudem sei das Land ein wichtiger Truppensteller für die Mission der Afrikanischen Union in Somalia und darüber hinaus international engagiert, etwa als größter Truppensteller der UN-Friedensmission in Haiti.
Auch wirtschaftlich komme Kenia eine besondere Bedeutung zu. Bereits heute sei das Land Deutschlands wichtigster Handelspartner in Ostafrika. Diese Position solle weiter ausgebaut werden, unter anderem durch die stärkere Präsenz deutscher Unternehmen. Gespräche über die Weiterentwicklung der Mobilitäts- und Migrationspartnerschaft zwischen beiden Ländern sind ebenfalls Teil der Agenda.
Äthiopien zwischen regionaler Verantwortung und wirtschaftlichem Potenzial

Die zweite Station der Reise führt nach Addis Abeba. Dort wird Wadephul mit seinem äthiopischen Amtskollegen Gedion Timothewos über die innenpolitische Lage sowie regionale Entwicklungen sprechen. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei der weiterhin angespannten Situation in Tigray sowie den Beziehungen zwischen Äthiopien und Eritrea.
Nach Einschätzung des deutschen Außenministers trägt Äthiopien als zweitbevölkerungsreichstes Land Afrikas eine entscheidende Verantwortung für Frieden und Stabilität am Horn von Afrika. Sein Besuch solle dazu beitragen, einen friedlichen Interessenausgleich zu fördern. Gleichzeitig hob Wadephul das erhebliche wirtschaftliche Potenzial des Landes hervor. Für deutsche Unternehmen biete Äthiopien langfristige Chancen, sofern Stabilität, Rechtsstaatlichkeit und verlässliche Rahmenbedingungen gewährleistet seien.
Neben politischen Gesprächen stehen wirtschaftliche Termine auf dem Programm, darunter ein Austausch mit dem Vorstandsvorsitzenden der größten äthiopischen Fluggesellschaft. Auch in Äthiopien wird der Außenminister von einer Wirtschaftsdelegation begleitet.
Afrikanische Union und multilaterale Ordnung im Mittelpunkt

Addis Abeba ist zugleich Sitz der Afrikanische Union. Entsprechend nimmt der multilaterale Austausch einen zentralen Stellenwert ein. Wadephul kündigte Gespräche mit dem Vorsitzenden der AU-Kommission sowie mit Ständigen Vertreterinnen und Vertretern der Mitgliedsstaaten an. Ziel sei es, das innerafrikanische Konfliktmanagement weiter zu stärken und die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und der Afrikanischen Union auszubauen.
Der Außenminister betonte, dass Afrika sich in einer multipolaren Welt zunehmend zu einem geopolitischen Gravitationszentrum entwickle. Deutschland setze daher auf eine enge Partnerschaft, die auf der regelbasierten internationalen Ordnung und multilateralen Lösungsansätzen beruhe. In diesem Zusammenhang bekräftigte Wadephul auch das deutsche Engagement für eine stärkere und angemessene Repräsentation Afrikas im UN-Sicherheitsrat.
Wirtschaft, Demografie und globale Verflechtungen
Angesichts wachsender Handelsbeschränkungen und Abschottungstendenzen sei Deutschland als Exportnation darauf angewiesen, seine internationalen Netzwerke zu diversifizieren. Afrika spiele dabei eine zentrale Rolle. Auf keinem anderen Kontinent sei der Anteil junger Menschen an der Bevölkerung so hoch, und kaum irgendwo böten sich vergleichbare Wachstumschancen.
Wadephul verwies darauf, dass Deutschlands Wirtschaft über umfangreiche Expertise verfüge und zugleich von einer stärkeren wirtschaftlichen Verflechtung mit afrikanischen Staaten profitieren könne. Die begleitende Wirtschaftsdelegation solle diese Perspektive unterstreichen und konkrete Kooperationsmöglichkeiten ausloten.