Außenminister Johann Wadephul sieht die Weltordnung vor einer “Disruption”

Außenminister Johann Wadephul hat beim WELT-Wirtschaftsgipfel 2026 die gegenwärtige Weltlage als einen historischen Umbruch beschrieben, der Deutschland, Europa und die internationale Wirtschaftsordnung vor einen dauerhaften „Balanceakt“ stelle. In seiner Rede skizzierte er eine globale Ordnung im Übergang, geprägt von Krieg in Europa, geopolitischer Machtverschiebung und zunehmender Instrumentalisierung wirtschaftlicher Abhängigkeiten.

Geopolitischer Umbruch und wirtschaftlicher Druck

Wadephul verwies auf den Krieg in Europa und das Erodieren der bisherigen Nachkriegsordnung. Globale Machtverhältnisse ordneten sich neu, traditionelle Gewissheiten gerieten unter Druck. Besonders betonte er den Großmächtekonflikt zwischen den Vereinigten Staaten und der Volksrepublik China, den beiden wichtigsten außereuropäischen Handelspartnern Deutschlands.

In diesem Konflikt würden wirtschaftliche Verflechtungen, Energiebeziehungen, Subventionen und Lieferketten gezielt für politische Zwecke genutzt. Diese Entwicklung stelle nach seinen Worten eine direkte Bedrohung für die deutsche und europäische Industriebasis dar. Sicherheit, Wohlstand und Freiheit seien gleichermaßen betroffen.

Handel, Energie und Technologie als politische Instrumente

Der Außenminister stellte fest, dass Kräfte, die früher als verbindend galten, heute zunehmend spaltend wirkten. Handel, Energie, Technologie und Information würden nicht mehr primär als Mittel der Kooperation genutzt, sondern als Instrumente geopolitischer Einflussnahme.

Zugleich betonte Wadephul, dass Märkte langfristig ideologische Exzesse begrenzten. Kurzfristig jedoch seien die negativen Folgen politischer Fehlentscheidungen häufig kaum spürbar. Daraus leitete er die Notwendigkeit ab, auf wirtschaftlichen Zwang zu reagieren, ohne selbst Marktverzerrungen zu erzeugen.

Europa in der Weltordnung

Vor diesem Hintergrund hob Wadephul die Rolle Europas hervor. Deutschland könne diese Phase nicht allein bewältigen, sondern nur in enger Abstimmung mit europäischen und globalen Partnern. Europa sei dabei ein zentrales Argument in internationalen Gesprächen, auch gegenüber Staaten, die nicht in allen Punkten europäische Werte teilten, aber an verlässlichen wirtschaftlichen Beziehungen interessiert seien.

Er verwies auf aktuelle Entwicklungen in der europäischen Handelspolitik. Die Einigung der Europäischen Union mit Indien auf ein Freihandelsabkommen bezeichnete Wadephul als strategischen Wendepunkt. Mit einem gemeinsamen Markt von rund zwei Milliarden Menschen sende das Abkommen ein Signal für Freihandel in geopolitisch herausfordernden Zeiten und unterstreiche die Handlungsfähigkeit der EU.

Auch das Mercosur-Abkommen sprach er an. Trotz anhaltender politischer Schwierigkeiten werde auf europäischer Ebene weiterhin an einer vorläufigen Anwendung gearbeitet. Der politische Wille hierzu sei vorhanden, auch dank intensiver Abstimmungen zwischen den Mitgliedstaaten.

Exportentwicklung und Bedeutung des Binnenmarktes

Wadephul ging zudem auf die aktuelle Exportentwicklung ein. Trotz rückläufiger Ausfuhren in die USA, nach China und in mehrere ASEAN-Staaten verzeichneten die deutschen Exporte bis zum dritten Quartal 2025 insgesamt einen leichten Zuwachs. Ausschlaggebend seien vor allem steigende Exporte innerhalb Europas sowie wachsende Dienstleistungsexporte.

Nach seinen Angaben wuchs der Handel mit EU-Partnern und europäischen Nachbarstaaten deutlich stärker als mit außereuropäischen Märkten. Mehr als die Hälfte des deutschen Handels entfalle inzwischen auf die EU. Das Handelsvolumen innerhalb Europas übertreffe jenes mit China und den USA um ein Vielfaches.

Binnenmarkt, Bürokratie und Wettbewerbsfähigkeit

Der Außenminister bezeichnete Kontinuität, Stabilität, Rechtsstaatlichkeit und der Schutz geistigen Eigentums als zentrale Standortvorteile Europas. Diese Faktoren seien weniger spektakulär als Subventionen, aber langfristig tragfähiger.

Er verwies auf Studien, wonach eine vollständige Integration des europäischen Binnenmarktes, insbesondere im Dienstleistungssektor, erhebliche Wachstums- und Beschäftigungseffekte entfalten könnte. Zugleich kritisierte er bestehende interne Handelshemmnisse, deren Kosten faktisch hohen Zöllen entsprächen.

In diesem Zusammenhang sprach Wadephul den Bürokratieabbau an. Die EU-Kommission verfolge mit Vereinfachungspaketen das Ziel, Wettbewerbsfähigkeit zu stärken. Auch auf nationaler Ebene solle der Erfüllungsaufwand für Wirtschaft, Bürger und Verwaltung deutlich gesenkt werden.

Warnung vor Populismus und Abschottung

Abschließend warnte der Außenminister vor einer politischen Entwicklung, die unter dem Schlagwort Bürokratieabbau grundlegende Prinzipien der europäischen Integration infrage stelle. Während öffentlich Entlastung versprochen werde, würden zugleich Weltoffenheit und institutionelle Stabilität untergraben.

Wadephul betonte, dass Entbürokratisierung notwendig sei, eine Abkehr vom europäischen Einigungsprojekt jedoch langfristig zu Isolation, Fachkräftemangel und dem Verlust verlässlicher Partnerschaften führen könne. In diesem Spannungsfeld bleibe der Balanceakt zwischen Offenheit, Schutz der eigenen Interessen und internationaler Zusammenarbeit eine dauerhafte Aufgabe.

Verwandte Beiträge
Total
0
Share