Mauritius erhöht im Streit um die Chagos-Inseln den Druck auf Großbritannien und droht mit rechtlichen Schritten, sollte London das vereinbarte Abkommen zur Rückgabe des Archipels nicht umsetzen. Die Regierung in Port Louis bekräftigte ihre Position am 9. Oktober 2026 nach Gesprächen von Premierminister Navin Ramgoolam in London und erneuerte sie bei den Vereinten Nationen. Hintergrund ist die seit Monaten blockierte Ratifizierung des Vertrags, mit dem Großbritannien die Souveränität über die Inselgruppe an Mauritius übertragen soll. Die Vereinigten Staaten haben ihre frühere Unterstützung für die Vereinbarung zurückgezogen, obwohl der Vertrag den langfristigen Betrieb ihrer Militärbasis auf Diego Garcia sichern würde.
Mauritius setzt London unter Druck
Premierminister Navin Ramgoolam erklärte nach einem Treffen mit dem britischen nationalen Sicherheitsberater Jonathan Powell, dass die bisherige Situation nicht länger hinnehmbar sei.
„Die Souveränität von Mauritius über die Chagos-Inseln ist nicht verhandelbar“, betonte Ramgoolam am 5. Oktober.
Bei dem Gespräch am 2. Oktober in London hatte er darauf gedrängt, die bereits unterzeichnete Vereinbarung endlich zu ratifizieren. Der Premierminister verwies auf die völkerrechtlichen Ansprüche seines Landes und stellte eine gerichtliche Auseinandersetzung in Aussicht.
„Die Zeit drängt“, erklärte er. Mauritius bleibe zwar offen für Dialog und Diplomatie. Sollte die Ratifizierung jedoch nicht innerhalb einer angemessenen Frist erfolgen, müsse seine Regierung rechtliche Schritte einleiten.
Während seines Aufenthalts in London traf Ramgoolam auch das juristische Team, das die rechtliche Strategie der mauritischen Regierung vorbereitet.
Der Ministerrat von Mauritius bestätigte am 9. Oktober, dass die Regierung weiterhin auf einer vollständigen Anerkennung ihrer Souveränität über den Chagos-Archipel einschließlich der strategisch wichtigen Insel Diego Garcia besteht.
Rückgabeabkommen von 2025 liegt auf Eis
Großbritannien und Mauritius hatten im Mai 2025 ein Abkommen über die Zukunft der Chagos-Inseln unterzeichnet.
Die Vereinbarung sieht vor, dass Großbritannien die Souveränität über den Archipel an Mauritius überträgt. Gleichzeitig soll London umfangreiche Nutzungsrechte an Diego Garcia für einen Zeitraum von 99 Jahren erhalten.

Die Insel beherbergt eine der wichtigsten amerikanischen Militärbasen im Indischen Ozean. Von dort aus können die US-Streitkräfte Operationen über große Entfernungen unterstützen, militärische Ausrüstung verlegen und ihre Präsenz im Nahen Osten sowie in Teilen Afrikas absichern.
Mit dem Abkommen sollte die britische Kolonialverwaltung beendet werden, ohne den Betrieb der Militärbasis zu gefährden.
Die Umsetzung ist jedoch ins Stocken geraten. Die notwendige Gesetzgebung wurde im britischen Parlament bislang nicht abgeschlossen.
Am 23. September erklärte der britische Verteidigungsminister Wes Streeting, dass das Abkommen ohne amerikanische Unterstützung nicht vorangebracht werden könne.
Trump stellt Militärinteressen der USA in den Vordergrund
Die amerikanische Haltung zum Chagos-Abkommen hat sich unter Präsident Donald Trump verändert.
Washington hatte die Vereinbarung zunächst unterstützt. Später zog die US-Regierung ihre Zustimmung im Zusammenhang mit politischen Differenzen mit Großbritannien zurück.
Zu den Streitpunkten gehörten die Auseinandersetzungen über Grönland und die britische Weigerung, Diego Garcia für offensive Militäroperationen gegen Iran freizugeben.
Trump bezeichnete das Abkommen öffentlich als „schrecklich“.
Der Rückzug der amerikanischen Unterstützung brachte auch die britische Regierung unter Druck. Nach Angaben mauritischer Medien wurden die vorgesehenen Zahlungen an Mauritius ausgesetzt, während London die Umsetzung der Vereinbarung überprüft.
Das südafrikanische Institute for Security Studies (ISS) verweist in einer am 16. Oktober veröffentlichten Analyse auf einen Widerspruch: Mauritius hatte den USA mit der 99-jährigen Nutzungsgarantie auf Diego Garcia bereits weitreichende sicherheitspolitische Zugeständnisse gemacht.
Dennoch wurde die Rückgabe der Inseln durch den Positionswechsel Washingtons blockiert.
Die Analysten sehen darin eine erhebliche Einschränkung des politischen Handlungsspielraums von Mauritius. Obwohl das Land die britische Anerkennung seiner Souveränität erreicht habe, könne es die Umsetzung des Abkommens nicht eigenständig durchsetzen.
Diego Garcia gewinnt durch den Iran-Krieg an Bedeutung
Der Krieg mit Iran hat die strategische Bedeutung von Diego Garcia zusätzlich erhöht.
Die amerikanischen Streitkräfte nutzen den Stützpunkt als logistische Drehscheibe und für militärische Operationen über große Entfernungen. Auch bei der amerikanischen Blockade gegen Iran spielt die Insel eine Rolle.
Nach iranischen Angriffen auf amerikanische Einrichtungen in der Golfregion, darunter die US-Marinebasis in Bahrain, gewinnt die geografische Entfernung Diego Garcias zu den unmittelbaren Konfliktgebieten an Gewicht.
Die Insel liegt weit südlich des Persischen Golfs. Ihre Lage ermöglicht den USA, militärische Fähigkeiten außerhalb der besonders gefährdeten Stützpunkte in unmittelbarer Nähe Irans vorzuhalten.
Das ISS verweist darauf, dass die Verletzlichkeit amerikanischer Militärbasen in der Golfregion und mögliche Einschränkungen des Zugangs zu Einrichtungen in Partnerstaaten die Bedeutung abgelegener Stützpunkte erhöhen.
Neben Diego Garcia betrifft dies auch die amerikanische Militärpräsenz auf Guam im Pazifik.
Die amerikanischen Nutzungsrechte an Diego Garcia beruhen bislang auf Vereinbarungen mit Großbritannien. Der ursprüngliche Vertrag stammt aus dem Jahr 1966 und wurde 2016 um weitere 20 Jahre verlängert. Die gegenwärtigen Regelungen laufen damit 2036 aus.
Das Abkommen mit Mauritius sollte einen längerfristigen rechtlichen Rahmen für den Betrieb der Basis schaffen.
Mauritius verliert Einfluss auf die Umsetzung des Abkommens
Die Regierung von Mauritius hatte ihre Verhandlungen mit Großbritannien über Jahre auf die Anerkennung ihrer Souveränität und die Beendigung der kolonialen Verwaltung ausgerichtet.
Dabei spielte die Bereitschaft, den Betrieb der amerikanischen Militärbasis zu ermöglichen, eine zentrale Rolle.
Nach Einschätzung des ISS hat Mauritius mit diesem Zugeständnis allerdings einen erheblichen Teil seines politischen Verhandlungsspielraums aufgegeben.
Port Louis könne weder die Zustimmung der Vereinigten Staaten erzwingen noch das britische Parlament zur Ratifizierung verpflichten.
Eine Rücknahme der Zusagen zur Militärbasis würde wiederum die Beziehungen zu Washington und London belasten.
Die mauritische Regierung setzt deshalb weiterhin auf diplomatische Gespräche, hat ihre bisherige Strategie der zurückhaltenden Verhandlungen aber um die ausdrückliche Androhung juristischer Schritte erweitert.
Dabei kann sie auf frühere völkerrechtliche Entscheidungen und internationale Unterstützung zurückgreifen.
Der Internationale Gerichtshof stellte 2019 in einem Gutachten fest, dass die Entkolonialisierung von Mauritius nicht rechtmäßig abgeschlossen worden war und Großbritannien seine Verwaltung des Chagos-Archipels so rasch wie möglich beenden müsse.
Auch die Generalversammlung der Vereinten Nationen forderte Großbritannien zur Beendigung der Verwaltung auf.
Die Afrikanische Union und Indien unterstützten ebenfalls die mauritischen Souveränitätsansprüche.
Vereinte Nationen: Mauritius beansprucht auch Tromelin
Mauritius brachte seine Gebietsansprüche erneut bei der 81. Generalversammlung der Vereinten Nationen in New York vor.
Außenminister Dhananjay Ramful bekräftigte in seiner Rede am 25. September, dass die Souveränität des Landes über Chagos nicht verhandelbar sei.
Zugleich erneuerte die Regierung ihren Anspruch auf die Insel Tromelin im Indischen Ozean. Mauritius betrachtet sie als Bestandteil seines Staatsgebiets, während Frankreich dort weiterhin die staatliche Hoheitsgewalt ausübt.
Die Regierung verband ihre territorialen Forderungen mit einer Unterstützung der gemeinsamen afrikanischen Position zur Reform des UN-Sicherheitsrats.
Außerdem verlangte Mauritius einen besseren Zugang kleiner Inselstaaten zu internationaler Klimafinanzierung.
Der Ministerrat bestätigte diese Positionen am 9. Oktober erneut.
Britische Delegation bereitet Meeresschutzgebiet vor
Trotz des Streits um die Ratifizierung setzen Mauritius und Großbritannien ihre praktische Zusammenarbeit in einzelnen Bereichen fort.
Anfang Oktober besuchte eine britische Delegation Mauritius, um die Voraussetzungen für die künftige Sicherung eines Meeresschutzgebiets rund um die Chagos-Inseln zu prüfen.
An der Mission beteiligten sich Vertreter des britischen Außen- und Verteidigungsministeriums, der Polizeibehörden und der Marineverwaltung.
Die Delegation traf unter anderem den mauritischen Generalstaatsanwalt Gavin Glover sowie Vertreter der zuständigen Behörden.
Ziel der Gespräche war die Vorbereitung der geplanten Chagos Archipelago Marine Protected Area (CAMPA), eines Meeresschutzgebiets, das Mauritius künftig verwalten soll.
Großbritannien hat zugesagt, Mauritius beim Aufbau und Betrieb des Schutzgebiets zu unterstützen. Die Zusammenarbeit ist Bestandteil des strategischen Partnerschaftsrahmens zwischen beiden Ländern.
Die britische Regierung bestätigte am 1. Oktober zudem gegenüber dem Parlament in London, dass Mauritius im Rahmen der Vereinbarung Verpflichtungen zum Schutz der Meeresumwelt übernommen habe.
Verzögerung trifft auch die vertriebenen Chagossianer
Der Streit betrifft nicht nur die Regierungen in London, Washington und Port Louis, sondern auch die ursprüngliche Bevölkerung der Chagos-Inseln.
Die Chagossianer wurden während der britischen Kolonialverwaltung zwischen den 1960er- und 1970er-Jahren von den Inseln vertrieben, um Platz für die militärische Nutzung des Archipels zu schaffen.
Viele leben heute auf Mauritius, den Seychellen und in Großbritannien.
Innerhalb der Gemeinschaft bestehen unterschiedliche Auffassungen über das Rückgabeabkommen und die Bedingungen einer möglichen Rückkehr.
Einige Chagossianer unterstützen die Übertragung der Souveränität auf Mauritius. Andere kritisieren, dass ihre eigenen politischen Rechte und ihre Beteiligung an den Entscheidungen nicht ausreichend berücksichtigt würden.
Im Februar 2026 landeten der Aktivist Misley Mandarin und weitere Chagossianer auf der zum Archipel gehörenden Île du Coin. Die Aktion führte zu zusätzlichen rechtlichen Auseinandersetzungen mit den britischen Behörden.
Das ISS weist darauf hin, dass die Zeit insbesondere für die noch lebenden Angehörigen der ursprünglich vertriebenen Generation knapp werde. Je länger sich die politische Entscheidung verzögert, desto geringer wird ihre Möglichkeit, noch zu Lebzeiten dauerhaft in ihre Heimat zurückzukehren.
Ausbleibende Zahlungen belasten Mauritius
Neben der ungelösten Souveränitätsfrage hat die Verzögerung wirtschaftliche Folgen für Mauritius.
Die vertraglich vorgesehenen britischen Zahlungen sollten dem Inselstaat zusätzliche Einnahmen verschaffen. Die mauritische Regierung und der Internationale Währungsfonds hatten diese Mittel bereits im Zusammenhang mit der geplanten Verringerung der Staatsverschuldung berücksichtigt.
Durch das Ausbleiben der Zahlungen entstehen neue Unsicherheiten für die Haushaltsplanung.
Zugleich belasten die Folgen des Iran-Kriegs die mauritische Wirtschaft. Höhere Importkosten und der gestiegene Inflationsdruck verschärfen die bestehenden finanzpolitischen Schwierigkeiten.
Die Regierung steht damit vor mehreren gleichzeitig ungelösten Fragen: der ausstehenden Ratifizierung des Chagos-Vertrags, den finanziellen Auswirkungen der Verzögerung und der rechtlichen Absicherung der Ansprüche ihres Landes.
Premierminister Ramgoolam hat die britische Regierung deshalb aufgefordert, das unterzeichnete Abkommen innerhalb einer angemessenen Frist umzusetzen. Seine Regierung hält an der diplomatischen Lösung fest, bereitet aber zugleich rechtliche Schritte vor.

