Tunesien wirbt in Berlin um neue deutsche Investitionen

Tunesiens Außenminister Mohamed Ali Nafti hat bei seinem Berlin-Besuch für einen Ausbau der Wirtschaftsbeziehungen mit Deutschland geworben. Am Dienstag suchte er den Austausch mit deutschen Wirtschaftsverbänden und Unternehmen, um Tunesien als Standort für Industrie, Technologie und neue Lieferketten zu positionieren. Parallel dazu standen politische Gespräche mit Außenminister Johann Wadephul auf dem Programm. Der Besuch fällt in das Jahr, in dem beide Länder 70 Jahre diplomatische Beziehungen begehen.

Berlin rückt Wirtschaft und Politik zusammen

Nafti reist am 24. und 25. März auf Einladung seines deutschen Amtskollegen nach Berlin. Neben dem Treffen mit Wadephul sind Gespräche mit politischen Entscheidungsträgern, Denkfabriken und Wirtschaftsvertretern vorgesehen. Auch ein Austausch mit der tunesischen Gemeinschaft in Deutschland gehört zum Programm.

Für Mittwoch ist zudem ein Gespräch mit Bundestagspräsidentin Julia Klöckner im Reichstag angesetzt. Damit setzt Tunis bei dem Besuch auf drei Ebenen zugleich: politische Kontakte, wirtschaftliche Werbung und die Ansprache der Diaspora.

Tunesien stellt seine Industrie in den Mittelpunkt

Besonders sichtbar wurde der wirtschaftliche Teil des Besuchs bei einer Gesprächsrunde mit der Arabisch-Deutschen Industrie- und Handelskammer Ghorfa. Dort traf Nafti Vertreter des Bundesverbands der Deutschen Industrie, des Bundesverbands mittelständische Wirtschaft, des Afrika-Vereins und mehrerer Unternehmen mit Interesse an Tunesien.

Nafti warb dabei offensiv für den Standort. Deutschland sei der zweitgrößte ausländische Investor in Tunesien, sagte er. Nach tunesischen Angaben sind dort mehr als 320 deutsche Unternehmen aktiv, vor allem in der Autozulieferung, der Elektronik, der Textilindustrie und bei technologischen Dienstleistungen. Sie beschäftigen demnach mehr als 93.000 Menschen.

Auch beim Handel verwies der Minister auf wachsende Zahlen. Das bilaterale Handelsvolumen habe 2025 mehr als 5,3 Milliarden Euro erreicht. Tunesien habe dabei einen Überschuss von fast 1,1 Milliarden Euro erzielt. Die Ausfuhren nach Deutschland seien auf mehr als 3,2 Milliarden Euro gestiegen und damit binnen eines Jahres um 13 Prozent gewachsen.

Deutsche Unternehmen schauen auf Lieferketten und neue Projekte

Bei den Gesprächen in Berlin ging es nicht nur um bestehende Geschäfte, sondern auch um neue Vorhaben. Nach tunesischer Darstellung signalisierten deutsche Wirtschaftsvertreter Interesse an zusätzlichen Handels- und Investitionsbeziehungen. Im Blick stehen dabei stabilere Lieferketten, industrielle Fertigung und Produkte mit höherer technologischer Wertschöpfung.

Beide Seiten verabredeten, den Austausch zu verdichten. In der zweiten Jahreshälfte 2026 soll eine deutsche Wirtschaftsdelegation nach Tunesien reisen. Zudem soll Deutschland bei anstehenden Wirtschaftsforen in Tunesien stärker vertreten sein, darunter beim Carthage Investment Forum.

Tunis setzt auf Nähe zu Europa und Zugang zu Afrika

Nafti rückte in Berlin vor allem jene Vorteile in den Vordergrund, mit denen Tunesien bei Investoren punkten will: die geografische Nähe zum europäischen Markt, verfügbare Fachkräfte, moderne Infrastruktur und die Anbindung an größere Wirtschaftsräume.

Dazu zählt Tunis neben der Afrikanischen Kontinentalen Freihandelszone auch COMESA. Tunesien will damit nicht nur als Produktionsstandort wahrgenommen werden, sondern auch als Brücke zu weiteren Märkten auf dem afrikanischen Kontinent. Deutsche Gesprächspartner verwiesen zudem auf Stabilität und Sicherheit als Argumente für ein stärkeres Engagement.

Besuch im Jubiläumsjahr der Beziehungen

Der Berlin-Besuch fällt in ein symbolisches Jahr. Tunesien und Deutschland nahmen ihre diplomatischen Beziehungen am 7. Dezember 1956 auf, wenige Monate nach der tunesischen Unabhängigkeit. Siebzig Jahre später nutzt Tunis das Jubiläum, um die Beziehungen nicht nur zu würdigen, sondern neu auf wirtschaftliche Dynamik auszurichten.

Die Zusammenarbeit reicht inzwischen deutlich weiter als Handel und Investitionen. Sie umfasst auch Entwicklung, Migration, Sicherheit, erneuerbare Energien, Hochschulkooperation und Verwaltung. Mit seinem Auftritt in Berlin setzt Nafti daher vor allem ein Signal: Tunesien will in Deutschland nicht nur als Nachbar im Mittelmeerraum wahrgenommen werden, sondern als wirtschaftlicher und politischer Partner mit wachsender strategischer Bedeutung.

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