Hungersnot droht im Sudan: Deutschland und 31 Partner schlagen Alarm – UN melden über 300 Drohnentote

Im Sudan droht sich die Hungersnot auszuweiten: 19,5 Millionen Menschen leiden unter akuter Ernährungsunsicherheit.

Deutschland und 31 internationale Partner warnen vor einer weiteren Ausbreitung der Hungersnot im Sudan und fordern die Kriegsparteien auf, humanitäre Hilfe ungehindert zuzulassen. Die gemeinsame Erklärung wurde am Freitag, dem 23. Oktober 2026, veröffentlicht. Rund 19,5 Millionen Menschen und damit 41 Prozent der Bevölkerung leiden unter akuter Ernährungsunsicherheit, während neue Untersuchungen eine dramatische Verschlechterung in Darfur und Kordofan zeigen. Gleichzeitig meldeten die Vereinten Nationen mindestens 306 Todesopfer durch Drohnenangriffe innerhalb der ersten drei Oktoberwochen.

Die von Großbritannien koordinierte Erklärung wird unter anderem von Bundesaußenminister Johann Wadephul, den Außenministern Frankreichs und Italiens sowie Vertretern der USA, der Europäischen Kommission und weiterer europäischer Staaten unterstützt.

Die Unterzeichner verlangen die Öffnung sämtlicher Hilfsrouten, einen besseren Schutz humanitärer Helfer und zusätzliche internationale Finanzmittel. Besonders dringend sei die Versorgung der betroffenen Gebiete vor der kommenden Ernte- und Trockenperiode.

Fünf Millionen Menschen leiden unter extremer Nahrungsmittelknappheit

Nach der internationalen Bewertung der Ernährungssicherheit (IPC) befinden sich rund fünf Millionen Menschen im Sudan bereits in der Notstandsstufe 4. In dieser Phase müssen Familien unter anderem Mahlzeiten ausfallen lassen und ihren lebensnotwendigen Bedarf erheblich einschränken.

Die Bundesregierung und ihre Partner warnen, dass sich die Zahl der besonders stark betroffenen Gebiete erheblich erhöhen könnte. Ursprünglich waren 14 Gebiete mit akutem Hungersnotrisiko identifiziert worden. Ohne Gegenmaßnahmen könnte sich die Zahl nach Einschätzung der Unterzeichner verdoppeln.

Auch die Ernährungssituation von Kindern verschlechtert sich. Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) rechnet für 2026 mit rund 825.000 Kindern unter fünf Jahren, die an schwerer akuter Mangelernährung leiden könnten. In ihrer Erklärung warnen die Staaten, dass diese Zahl noch überschritten werden könnte.

Der Krieg hat außerdem rund neun Millionen Menschen innerhalb des Sudans aus ihren Heimatorten vertrieben. Viele leben in provisorischen Unterkünften und sind von regelmäßiger Lebensmittelversorgung abgeschnitten.

Neue Untersuchungen zeigen Hungersnot-Schwellen in Flüchtlingslagern

Besonders alarmierend sind die Ergebnisse einer am 12. Oktober veröffentlichten IPC-Untersuchung zur Lage in Darfur und Kordofan.

In zwei Lagern für Binnenvertriebene im Gebiet des östlichen Dschebel Marra in Süd-Darfur wurden bei Kindern zwischen sechs Monaten und fünf Jahren Raten akuter Mangelernährung von 38 beziehungsweise 30,8 Prozent festgestellt.

Beide Werte überschreiten die für die Feststellung einer Hungersnot maßgebliche Schwelle von 30 Prozent bei akuter Mangelernährung.

Die Untersuchung dokumentiert außerdem schwere Nahrungsmittelknappheit und erhöhte Sterblichkeitsraten. Eine neue formelle Einstufung der beiden Lager als Hungersnotgebiete liegt damit allerdings noch nicht vor. Dafür müssen weitere Kriterien zur Ernährungslage und Sterblichkeit berücksichtigt werden.

In der Stadt Nyala stieg der Anteil schwer akut mangelernährter Kinder unter den untersuchten Patienten zwischen Januar und August von 5,2 auf 11,4 Prozent.

Auch aus anderen Teilen Darfurs melden Hilfsorganisationen eine zunehmende Zahl mangelernährter Kinder. In mehreren Gebieten haben sich die Behandlungsfälle gegenüber dem Vorjahr verdoppelt oder noch stärker erhöht.

Dürre verschärft die Hungerkrise in Darfur und Kordofan

Neben den Kämpfen trifft eine schwere Dürre große Teile des Landes. Die IPC-Initiative führt diese Entwicklung auf die Auswirkungen von El Niño zurück.

Mehr als die Hälfte des Sudans ist von außergewöhnlich geringen Niederschlägen betroffen. Besonders in Nord- und Süd-Darfur sowie West- und Süd-Kordofan sind die Ernteaussichten erheblich beeinträchtigt.

In Nord-Darfur weisen 64 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Flächen ein deutlich vermindertes Pflanzenwachstum auf. In weiteren stark betroffenen Regionen liegt dieser Anteil bei ungefähr 50 Prozent.

Viele Bauern konnten ihre Felder wegen der Kämpfe nicht bestellen oder mussten sie auf der Flucht verlassen. Andere verloren ihre Ernten aufgrund ausbleibender Niederschläge.

Die Kombination aus zerstörter landwirtschaftlicher Infrastruktur, mangelnden Niederschlägen und eingeschränkten Handelswegen führt zu steigenden Lebensmittelpreisen.

Zusätzlich beeinträchtigen die Konflikte im Nahen Osten die Versorgung des Sudans. Störungen des Schiffsverkehrs im Roten Meer verzögern nach Angaben des Welternährungsprogramms wichtige Importe und erhöhen die Kosten für Lebensmittel, Treibstoffe und Düngemittel.

Mindestens 306 Tote durch Drohnenangriffe in drei Wochen

Parallel zur Hungerkrise nimmt die Gewalt gegen die Zivilbevölkerung zu.

UN-Menschenrechtskommissar Volker Türk verurteilte am Freitag eine deutliche Zunahme von Drohnenangriffen. Sein Büro dokumentierte in den ersten drei Oktoberwochen mindestens 306 Todesopfer und Hunderte Verletzte.

Die Angriffe werden sowohl den sudanesischen Streitkräften (SAF) als auch der paramilitärischen Miliz Rapid Support Forces (RSF) zugeschrieben.

Getroffen wurden Wohnhäuser, Märkte, Krankenhäuser, Flüchtlingsunterkünfte sowie Anlagen zur Strom- und Wasserversorgung.

Am 18. Oktober starben bei einem wiederholten Drohnenangriff auf einen Lastwagen in Dibab in West-Kordofan mindestens 139 Menschen. Das Gebiet wird von den RSF kontrolliert.

Bereits zwischen dem 6. und 10. Oktober kamen bei mutmaßlichen Angriffen der sudanesischen Armee auf Unterkünfte für Vertriebene in Ghubeish und El Nuhud mindestens 25 Zivilisten ums Leben.

Am 9. Oktober traf eine mutmaßliche RSF-Drohne eine Gruppe von Vertriebenen, die nahe Abu Shendi im Bundesstaat Blauer Nil Gold suchten. Mindestens 31 Menschen starben, überwiegend Frauen und Kinder.

Türk erklärte, der zunehmende Einsatz von Drohnen sei besonders besorgniserregend, da diese Waffen inzwischen für die Mehrzahl der konfliktbedingten zivilen Todesopfer im Sudan verantwortlich seien.

Angriff auf Abyei: UN-Sicherheitsrat fordert Untersuchung

Besondere Aufmerksamkeit erhielt ein weiterer Drohnenangriff auf die umstrittene Grenzregion Abyei zwischen Sudan und Südsudan.

Am 19. Oktober wurden der Markt von Amiet und das Gebiet Todach getroffen. Nach Angaben der Vereinten Nationen starben mehr als 80 Menschen.

Angehörige der UN-Friedensmission UNISFA erreichten den Schauplatz nach dem Angriff und unterstützten die Brandbekämpfung sowie die medizinische Versorgung.

Mehr als 27 Verletzte wurden in ein Krankenhaus der Mission gebracht.

Der UN-Sicherheitsrat verurteilte den Angriff am Freitag und forderte eine unverzügliche, transparente Untersuchung. Er erinnerte daran, dass Angriffe auf Zivilisten Kriegsverbrechen darstellen können.

Zugleich bekräftigte das Gremium, dass Abyei entmilitarisiert bleiben müsse und außer den UN-Friedenstruppen keine bewaffneten Einheiten in dem Gebiet stationiert sein dürften.

Deutschland fordert Öffnung aller Hilfsrouten

Die gemeinsame Erklärung Deutschlands und seiner internationalen Partner richtet sich ausdrücklich an beide sudanesischen Kriegsparteien.

Sie sollen sämtliche Hindernisse für humanitäre Hilfslieferungen beseitigen. Dazu gehört die Genehmigung von Transporten über Frontlinien und internationale Grenzen hinweg.

Besonders gefordert wird die Öffnung von Flugverbindungen nach Darfur, damit Hilfsgüter schneller geliefert und verletzte Helfer bei Bedarf ausgeflogen werden können.

Die Staaten verlangen außerdem kürzere Bearbeitungszeiten für Visa und Zollverfahren, längere Aufenthaltsgenehmigungen für Hilfskräfte sowie den Abbau zusätzlicher Gebühren und bürokratischer Auflagen.

Angriffe auf landwirtschaftliche Betriebe, Märkte und andere zivile Einrichtungen müssten eingestellt werden.

Nach Angaben der IPC-Initiative wurden allein in Kordofan in diesem Jahr mehr als 170 bewaffnete Zusammenstöße, Luftangriffe und Plünderungen im Bereich von Märkten registriert.

Auch humanitäre Transporte sind gefährdet. Anfang Oktober wurden zwei Lastwagen im Auftrag des Welternährungsprogramms beschossen. Mindestens ein Fahrer kam ums Leben.

Mehr als die Hälfte der benötigten Hilfsgelder fehlt

Die internationale Nothilfe bleibt weit hinter dem Bedarf zurück.

Nach Angaben der IPC-Initiative waren Anfang Oktober lediglich rund 43 Prozent der für 2026 angeforderten Mittel für den humanitären Hilfsplan des Sudans finanziert. Die Finanzierungslücke lag damit bei 57 Prozent.

Besonders groß sind die Engpässe bei der Bekämpfung von Mangelernährung und der Versorgung mit Wasser. Programme zur Ernährungshilfe waren zu 42 Prozent finanziert, Maßnahmen gegen Mangelernährung zu 30 Prozent und die Wasser- und Sanitärversorgung lediglich zu 23 Prozent.

Das Welternährungsprogramm bezifferte seinen zusätzlichen Finanzierungsbedarf für die laufenden Operationen bis Oktober auf 579 Millionen US-Dollar.

Deutschland und seine Partner fordern deshalb eine rasche Aufstockung der Mittel. Auch internationale Entwicklungsbanken und Finanzinstitutionen sollen ihre Programme stärker auf die besonders betroffenen Regionen ausrichten.

Neue Friedensgespräche ohne Beteiligung der Kriegsparteien

Die gemeinsame Warnung folgt auf internationale Beratungen zur Beendigung des Sudan-Krieges in Genf.

Am 21. Oktober kamen dort Vertreter von knapp zwei Dutzend Staaten zusammen, um diplomatische Initiativen besser miteinander abzustimmen und Möglichkeiten für eine Waffenruhe zu erörtern.

An den Gesprächen nahmen weder die sudanesische Regierung noch die RSF teil. Das Treffen diente der Koordination zwischen internationalen Vermittlern.

Der persönliche Sudan-Gesandte von UN-Generalsekretär António Guterres, Pekka Haavisto, forderte konkrete Schritte zur Deeskalation und zur Vorbereitung eines umfassenden Waffenstillstands.

Besprochen wurden auch die Voraussetzungen für einen politischen Übergangsprozess unter Beteiligung unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen im Sudan.

Der Krieg zwischen den sudanesischen Streitkräften und den RSF begann im April 2023. Vorausgegangen war eine gemeinsame Machtübernahme der beiden damaligen Verbündeten durch einen Militärputsch im Oktober 2021.

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