Die Universität Münster macht die islamische Theologie zu einem eigenen Fachbereich und gründet damit als erste deutsche Hochschule eine Islamisch-Theologische Fakultät. Zum 1. Juli wird das bisherige Zentrum für Islamische Theologie in den neuen Fachbereich 16 überführt. Die neue Fakultät erhält weitreichende Zuständigkeiten in Lehre, Forschung und akademischer Selbstverwaltung. Gründungsdekan wird der islamische Theologe Mouhanad Khorchide.
Der Lehrbetrieb soll mit dem Wintersemester 2026/27 beginnen. Vorgesehen sind vier Professorinnen und vier Professoren, darunter Stellen zur islamischen Philosophie und zum Islam in der Sozialarbeit. Derzeit sind rund 450 Studierende eingeschrieben, sowohl im Lehramt für alle Schulformen als auch in theologischen Bachelor- und Masterstudiengängen.
Mehr Eigenständigkeit für Lehre und Forschung
Mit der Umwandlung in eine Fakultät gewinnt die islamische Theologie in Münster deutlich an institutioneller Eigenständigkeit. Künftig kann der neue Fachbereich sein Forschungsprofil und sein Lehrangebot weiterentwickeln, Prüfungsordnungen formulieren sowie Promotions- und Habilitationsverfahren verantworten. Auch bei Berufungsverfahren und der Besetzung akademischer Stellen soll die Fakultät maßgeblich mitwirken.
Mit den neuen Rechten gehen zugleich eigene Pflichten einher. Die Fakultät muss das Lehrangebot eigenständig vollständig und geordnet sicherstellen, Studiengänge akkreditieren lassen, Zielvereinbarungen mit dem Rektorat abschließen und Studienberatung anbieten. Gebunden bleibt sie dabei an das Hochschulgesetz, die Grundordnung der Universität, Beschlüsse von Senat und Rektorat sowie an Vorgaben etwa aus Haushalts-, Personal-, Gleichstellungs- und Datenschutzrecht.
Ein langer Weg vom Zentrum zur Fakultät
Der neue Fachbereich geht aus dem Zentrum für Islamische Theologie hervor, das 2012 eingerichtet wurde. Erste Überlegungen für eine Weiterentwicklung legte die Arbeitsgruppe Theologien drei Jahre später vor. 2019 beschloss das Rektorat, das Zentrum in einen eigenen Fachbereich zu überführen.
An dem Verfahren waren neben dem nordrhein-westfälischen Ministerium für Kultur und Wissenschaft auch der Senat der Universität, der Hochschulrat, der Konfessionelle Beirat für islamische Theologie, der Fachbereichsrat der Philologie sowie studentische Vertretungen beteiligt. Im Sommersemester 2027 sollen die Mitglieder der Fakultät erstmals einen eigenen Fachbereichsrat wählen. Er wird auch über die Amtszeit des Gründungsdekans entscheiden.
Für die Universität selbst ist der Schritt ebenfalls außergewöhnlich. Ein neuer Fachbereich wurde in Münster zuletzt vor 22 Jahren gegründet, als 2004 aus der damaligen Hochschule für Musik Detmold, Abteilung Münster, der Fachbereich 15 entstand.
Wessels spricht von einem Meilenstein
Rektor Johannes Wessels nannte die Gründung „einen Meilenstein für die islamische Theologie“. Zugleich sei sie „ein gesellschaftspolitisches Zeichen für mehr Toleranz“, das weit über Münster hinaus beachtet werden dürfte.

Khorchide erklärte, das Profil der Universität als Ort theologischer Vielfalt werde dadurch gestärkt. Der Schritt sei „für viele Muslime in Deutschland ein eindrucksvolles und wichtiges Signal der Anerkennung“.
Auch aus der Bundespolitik kam Zustimmung. Lamya Kaddor, Beauftragte für Religionspolitik, sprach von einem historischen Schritt für die Anerkennung muslimischer Lebenswirklichkeiten in Deutschland. Erstmals erhalte die islamische Theologie damit eine institutionelle Verankerung, wie sie für christliche Theologien seit langem bestehe.
Klare Leitlinien für das theologische Profil
Inhaltlich setzt die neue Fakultät nach eigenen Leitlinien auf die Vereinbarkeit von Glauben und Demokratie, kritisches Denken, eine wissenschaftlich fundierte und kontextbezogene Auslegung religiöser Quellen sowie eine klare Abgrenzung von Extremismus, Antisemitismus und Islamismus. Hinzu kommen Leitgedanken wie Geschlechtergerechtigkeit, interreligiöser Dialog, die Ausbildung verantwortungsvoller Fachkräfte und ein Islam, der in und für Europa gedacht wird.
Die Islamisch-Theologische Fakultät soll in Münster Teil des neuen „Campus der Theologien und Religionswissenschaften“ werden. Dort wird sie neben der evangelischen und der katholischen Theologie verankert sein. Auf dem Campus soll zugleich eine der weltweit größten Forschungsbibliotheken zum Thema Religion entstehen.

