Simbabwe prüft Kernenergie als Baustein der Industrialisierung

Simbabwe erwägt den Einstieg in die Kernenergie, um chronische Stromengpässe zu überwinden und industrielle Entwicklung voranzutreiben. Außen- und Handelsminister Amon Murwira stellte die Überlegungen auf dem Jahrestreffen des Weltwirtschaftsforums 2026 in Davos vor. Im Mittelpunkt stehen die Suche nach verlässlicher Grundlast, die Abhängigkeit von wetteranfälliger Wasserkraft und neue Technologien wie kleine modulare Reaktoren.

Energieknappheit als strukturelles Entwicklungshemmnis

Auf einem hochrangigen Panel mit dem Titel „Nuclear Energy and the Future of an Industrialised Africa“ machte Murwira deutlich, dass Afrikas Industrialisierungsziele ohne belastbare Energieversorgung nicht erreichbar seien. Große Teile des südlichen Afrikas, darunter Simbabwe und Sambia, sind historisch stark von Wasserkraft abhängig. Wiederkehrende Dürreperioden haben in den vergangenen Jahren jedoch zu erheblichen Produktionsausfällen geführt und die Grenzen dieser Energiequelle offengelegt.

Nach Darstellung des Ministers hat sich die Stromknappheit zu einem zentralen Engpass für wirtschaftliches Wachstum entwickelt. Industrie, Bergbau und verarbeitendes Gewerbe seien auf kontinuierliche Energiezufuhr angewiesen, die mit stark schwankender Wasserkrafterzeugung nicht gewährleistet werden könne.

Wandel der Haltung gegenüber Kernenergie in Afrika

Murwira verwies darauf, dass sich die Wahrnehmung der Kernenergie auf dem afrikanischen Kontinent verändere. Sie werde zunehmend als sauberer und verlässlicher Bestandteil eines diversifizierten Energiemixes betrachtet. Als Beispiele nannte er laufende oder geplante Kernenergieprojekte in Ägypten und Südafrika sowie vorbereitende Arbeiten in weiteren afrikanischen Staaten.

Ein strategischer Faktor sei zudem Afrikas umfangreicher Bestand an Uranvorkommen. Diese Ressource könne langfristig eine Rolle bei der Energieplanung spielen, sofern entsprechende regulatorische und technische Voraussetzungen geschaffen würden.

Keine schnelle Lösung, sondern langfristiges Projekt

Gleichzeitig betonte Murwira, dass Kernenergie weder kurzfristig noch ohne erhebliche Vorleistungen verfügbar sei. Er nannte Investitionen in Humankapital, stabile Regulierungsrahmen, Netzinfrastruktur und langfristige Lösungen für die Entsorgung radioaktiver Abfälle als zwingende Voraussetzungen. Ohne diese Grundlagen sei der Einstieg in die Kernenergie nicht realistisch.

Besondere Aufmerksamkeit widmete Murwira neuen Reaktortechnologien. Kleine modulare Reaktoren, sogenannte Small Modular Reactors, gelten als potenziell besser geeignet für afrikanische Volkswirtschaften. Sie versprechen geringere Anfangsinvestitionen, höhere Skalierbarkeit und flexiblere Einsatzmöglichkeiten im Vergleich zu klassischen Großreaktoren.

Einordnung in Zimbabwes aktuelle Energiepolitik

Die Aussagen in Davos fügen sich in jüngere öffentliche Erklärungen der Regierung ein, wonach Kernenergie als Teil einer breiter angelegten Strategie zur Bewältigung anhaltender Stromausfälle geprüft wird. Ziel ist es, die Energieversorgung langfristig zu stabilisieren und damit Voraussetzungen für industrielle Wertschöpfung zu schaffen.

Konkrete Zeitpläne oder Investitionsentscheidungen wurden bislang nicht genannt. Auch Fragen der Finanzierung und internationaler Partnerschaften bleiben offen.

Skepsis vor dem Hintergrund früherer Energieinitiativen

Murwiras Vorstoß trifft jedoch auf ein gemischtes Echo. Kritiker verweisen auf eine Reihe ambitionierter Energieprojekte der vergangenen Jahre, die über Ankündigungen oder Pilotphasen nicht hinausgekommen sind. In den späten 2010er- und frühen 2020er-Jahren unterstützte Murwira in seiner damaligen Funktion als Wissenschafts- und Hochschulminister Forschungsprogramme zur Herstellung von Diesel aus heimischen Ressourcen. Dazu zählten staatlich geförderte Projekte zur Kohleverflüssigung unter Nutzung der Kohlevorkommen in Hwange.

Diese Initiativen wurden als innovationsgetrieben und wissenschaftlich fundiert dargestellt, erreichten jedoch keine dauerhafte kommerzielle Produktion. Ähnlich verlief der Versuch, die in den 2000er-Jahren errichtete, aber nie wirtschaftlich betriebene Jatropha-Biodieselanlage in Mt Hampden wiederzubeleben.

Hinzu kommt das bis heute symbolträchtige Ereignis aus dem Jahr 2007, als unter einer früheren Regierung behauptet wurde, nahe Chinhoyi trete raffinierter Diesel aus Gestein aus. Der Vorfall entpuppte sich später als Täuschung. Murwira war daran nicht beteiligt, doch der Fall gilt weiterhin als Mahnung, wie Energieknappheit wissenschaftliche Standards untergraben kann.

Forderungen nach Transparenz und internationaler Einbindung

Vor diesem Hintergrund fordern Kritiker bei der Diskussion über Kernenergie höchste Vorsicht, unabhängige Machbarkeitsstudien und transparente Kosten-Nutzen-Analysen. Kernenergie gilt als besonders kapitalintensiv und technisch komplex, weshalb Fehlentscheidungen erhebliche langfristige Folgen haben könnten.

Befürworter der aktuellen Überlegungen betonen hingegen, dass sich die Situation grundlegend von früheren Experimenten unterscheide. Heute stünden international regulierte Technologien, etablierte Sicherheitsstandards und potenzielle globale Partnerschaften zur Verfügung. Dies könne einen qualitativ neuen Ansatz darstellen, sofern Zimbabwe diesen Weg konsequent und nachvollziehbar beschreitet.

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