Spannungen am Roten Meer: Äthiopien und Eritrea warnen einander vor Krieg

Die Beziehungen zwischen Äthiopien und Eritrea haben sich in den vergangenen Wochen deutlich verschlechtert. Beide Regierungen nutzen zunehmend konfrontative Sprache, während innenpolitische Spannungen in Äthiopien und ungelöste Konfliktfolgen in Tigray den Druck weiter erhöhen. Die Lage hat zu internationalen Warnungen geführt, dass die Region am Horn von Afrika erneut an die Schwelle eines Konflikts geraten könnte.

Verschärfte Rhetorik und wachsende Risiken

Im Zentrum steht die Frage des Zugangs Äthiopiens zum Roten Meer sowie die Kontrolle über den Hafen von Assab. Die äthiopische Regierung bezeichnet den fehlenden Seezugang als strategische Belastung und als existenzielle Herausforderung. Eritrea weist diese Position strikt zurück und betont die Unantastbarkeit seiner Souveränität und international anerkannten Grenzen.

Spannungen im Kontext der Entwicklungen in Tigray

Drei Jahre nach dem Abkommen von Pretoria ist die Lage in Tigray erneut angespannt. Die Region ist im nationalen Entscheidungsprozess weitgehend marginalisiert. Streitpunkte wie die Zukunft West-Tigrays und der Umgang mit Vertriebenen bleiben ungelöst.

Die politische Neuordnung in Tigray hat dabei direkte Auswirkungen auf das Verhältnis zwischen Addis Abeba und Asmara. Führungswechsel innerhalb der TPLF und regionale Machtverschiebungen verstärken Misstrauen. Berichte über taktische Annäherungen zwischen Teilen der TPLF und Eritrea lösen in der äthiopischen Regierung Besorgnis aus. Offizielle Stellungnahmen aus Tigray weisen diese Vorwürfe zurück und verweisen auf die Notwendigkeit, das Pretoria-Abkommen einzuhalten.

Addis Abeba bekräftigt Anspruch auf dauerhafte Meeresanbindung

Die äthiopische Führung stellt die Frage des Zugangs zum Meer offen in den Mittelpunkt der außenpolitischen Agenda. Regierungsvertreter verweisen auf die wirtschaftlichen Belastungen durch die Abhängigkeit von den Häfen Djiboutis und argumentieren, eine diversifizierte maritime Anbindung sei notwendig, um die Entwicklung eines Landes mit über 130 Millionen Einwohnern zu sichern.

In mehreren öffentlichen Reden machte die äthiopische Regierung deutlich, dass ein stabiler Zugang zum Roten Meer ein Kernziel ihrer langfristigen Strategie und für den regionalen Handel erforderlich sei. Zugleich betont Addis Abeba, man strebe Verhandlungen an, übe aber wachsende Kritik an Eritrea und wirft dem Nachbarstaat destabilisierende Aktivitäten in der Region vor.

Eritrea weist äthiopische Positionen scharf zurück

Eritrea reagierte mit einer ungewöhnlich ausführlichen und deutlichen Stellungnahme. Die Regierung beschreibt die äthiopischen Forderungen als rechtlich unhaltbar und politisch gefährlich. Die Aussagen aus Addis Abeba werden als Versuch dargestellt, maritime Ambitionen historisch zu legitimieren und regionales Recht zu reinterpretieren.

Asmara verweist auf die abschließenden Grenzentscheidungen der Eritrea–Äthiopien-Boundary-Commission, die aus eritreischer Sicht alle territorialen Fragen verbindlich geklärt haben. Zudem betont Eritrea, dass jeder Anspruch auf militärische Präsenz oder souveräne Korridore entlang der eritreischen Küste gegen internationales Recht verstoßen würde.

Die Stellungnahme beschreibt die äthiopischen Positionen als Fortführung historischer Konfliktlinien und warnt vor einer Rückkehr expansionistischer Politik. Eritrea hebt hervor, dass jegliche Zugangsrechte ausschließlich bilateral verhandelt werden können und keine Form von Druck oder sicherheitspolitischen Argumenten die eigene Souveränität berühren dürfe.

Regionale Folgen und internationale Befürchtungen

Internationale Beobachter wie der britische Think Tank Chatham House bewerten die Lage als zunehmend kritisch. Analysen weisen auf die Gefahr hin, dass Missverständnisse, innenpolitischer Druck und militärische Aktivitäten lokaler Akteure eine Eskalation auslösen könnten.

Die regionale Sicherheitsarchitektur gilt als fragil. Die Entwicklungen berühren Themen wie Grenzsicherung, humanitäre Lage, maritime Stabilität im Roten Meer sowie bestehende Konflikte im Sudan, Jemen und am Golf von Aden.

Aktivitäten externer Akteure und Ansätze zur Deeskalation

Es gibt Hinweise, dass mehrere internationale Akteure direkte oder indirekte Vermittlungsbemühungen aufnehmen. Staaten wie Saudi-Arabien, die Türkei und die Vereinigten Arabischen Emirate beschäftigen sich mit der Lage, da ihre sicherheitspolitischen und wirtschaftlichen Interessen im Roten Meer betroffen sind.

Auch westliche Partner haben signalisiert, dass sie Stabilität am Horn von Afrika als strategisch wichtig ansehen. Hintergrundgespräche und diplomatische Kontakte konzentrieren sich darauf, Eskalationen durch klare Kommunikationskanäle und koordinierte Einflussnahme zu verhindern.

Offene Fragen mit Blick auf die künftige Entwicklung

Der weitere Verlauf hängt stark von inneräthiopischen Dynamiken, dem Verhältnis zwischen Addis Abeba und der Führung in Tigray sowie den Reaktionen Eritreas ab. Die Frage des Meereszugangs bleibt ein zentraler Konfliktpunkt.

Gleichzeitig spielt die wirtschaftliche Lage der Region eine Rolle. Die Abhängigkeit Äthiopiens von Handelsrouten, die strategische Bedeutung des Roten Meeres und die politische Fragmentierung innerhalb mehrerer Staaten schaffen ein komplexes Umfeld, das von vielen Akteuren aufmerksam beobachtet wird.

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